Herstellung und Herausgabe der Schüler-Spiel-Zeitung
„Spielcasino“, die sich nur mit Spielen, Spielbüchern und Spielaufgaben beschäftigt 1
Aus: Das AOL-Projekte-Buch. 250 Projekte und Ideen für eine lebendige Schule, Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 1983
Zu Beginn des Schuljahrs im August 1979 wurde zum ersten Mal an Adolf-Reichwein-Schule in Bielefeld-Sennestadt die Arbeitsgemeinschaft „Spiele und Spielzeitung“ angeboten. Diese Hauptschule ist eine Ganztagshauptschule, in der die Schüler auch nachmittags zum Unterricht kommen. Im Stundenplan jeder Klasse sind zwei Stunden für Arbeitsgemeinschaften vorgesehen. Die Jahrgänge 7 bis 10 werden dabei zusammengefasst. Alle Schüler dieser Altersgruppe können aus den zwölf bis fünfzehn vorgeschlagenen Themen frei und klassenübergreifend ein Angebot für ein Halbjahr wählen. Da stehen z.B. die Kurse „Backen“, „Tennis“ und „Basic für Anfänger“ ganz oben auf der Wunschliste, aber auch „Mikroskopieren“, „Popmusik“ und „Fotolabor“ sind gefragt.
An der Schule gibt es seit 1979 auch die Möglichkeit, in der Mittagspause Spiele auszuleihen und auszuprobieren. Ein Lehrer hilft bei Verständnisschwierigkeiten mit der Spielregel oder auch bei der Auswahl der Spiele 2 . Die Arbeitsgemeinschaft „Spiele und Spielzeitung“ soll dieses Angebot ergänzen und vertiefen. Zunächst meldeten sich neun Schüler für diese AG (später waren es acht bis sechzehn Schüler). In einer der ersten Sitzungen wurde festgelegt - mit Hilfe des AG-Leiters -, eine Schülerzeitung herauszugeben, die sich nur mit Spielen, Spielbüchern und Spielaufgaben beschäftigt. Diese Zeitung sollte die besonderen Aufgaben der Ganztagshauptschule im Freizeitbereich unterstützen.
Ein Name für die Zeitung war schnell gefunden, und so erschien die erste Ausgabe von Spielcasino im November 1979 mit einer Startauflage von 250 Stück. Das Heft bestand aus 24 DIN-A4-Seiten. Das Aussehen der Zeitung änderte sich im Laufe der Zeit, so wurde der Umfang von Heft 3 an auf 30 Seiten festgelegt. Die stärkste Veränderung brachte die 19. Ausgabe (November 1985). Jetzt bietet jedes Heft 32 Seiten im DIN-A5-Format. Die Auflage stieg auf 850 Exemplare, denn die Schüler von zehn benachbarten Schulen konnten als Leser hinzugewonnen werden. Etwa 60 Personen erhalten darüber hinaus die Zeitung im Abonnement durch die Post.
Die Herstellung
Die Fertigstellung jeder Spielcasino-Ausgabe - es erscheinen zwei bis vier Hefte im Jahr - verläuft nach einem eingespielten Arbeitsrhythmus. Zuerst lernen die Schüler, die neu zur Arbeitsgemeinschaft hinzukommen, die einfachen, drucktechnischen Voraussetzungen kennen. Sie erfahren, wie eine Druckvorlage aussehen muss, damit der gewünschte Text vollständig und sauber wiedergegeben werden kann, hören etwa über Layout, Reinzeichnungen und Druckverfahren. Dann werden Arbeitsgebiete besprochen und konkrete Aufgaben verteilt. Dabei erhalten die einzelnen Schüler oder Kleingruppen recht unterschiedliche Aufgabenbereiche. Einige Schüler erarbeiten selbständig eigene Spiele, Kreuzwort- und Silbenrätsel, Krimis, Spielaufgaben oder Fragespiele.
Andere testen neue Spiele und fassen ihre Eindrücke und Erfahrungen in Spiel-Kritiken zusammen. Ideal für unsere Zeitung sind Spiele, die mit einer Aufgabe vorgestellt werden können. Hier bieten sich Quiz-Spiele an, aber auch für Taktik-Spiele können Spielaufgaben gestellt werden. Da heißt es dann z.B. „Welcher Spieler gewinnt mit dem nächsten Zug?“ Über diese Rätselaufgaben gewinnen die Leser bessere Eindrücke von dem vorgestellten Spiel.
Fertige Texte schreibt der Lehrer auf der Schreibmaschine ab, bevor die Schüler sie mit Illustrationen versehen. Einige Lehrer der Schule ergänzen die Beiträge der Schüler durch eigene Artikel. So testet z. B. der Biologielehrer ein neues Mikroskop, der Computerfachmann sagt seine Meinung zu neuen Videospielen, oder die Sportlehrerin stellt ein Gartenfußballspiel vor. In jeder Ausgabe ist ein Kollege mit der Rubrik „Mein Lieblingsspiel“ vertreten. Weitere Beiträge stammen von bekannten Spielrezensenten („Der Gastkommentar“) und vom verantwortlichen Lehrer („Spiel des Jahres“, „Neues von der Nürnberger Spielwarenmesse“, „Würfelfieber“).
Gemeinsam legt die Arbeitsgemeinschaft die Auswahl und Reihenfolge der fertigen Seiten fest. Die ersten Ausgaben wurden vom Hausmeister in der Schule gedruckt, später musste damit eine Firma beauftragt werden.
So ist der ursprüngliche Projektgedanke - die Schüler sind vom Verfassen der Artikel bis zum Drucken dabei - durch die hohe Auflage etwas in den Hintergrund gedrückt worden. Durch gezielte Informationen über Drucktechnik und Herstellungsverfahren kann dies zum Teil wieder ausgeglichen werden, aber die eigens vom Techniklehrer konstruierte Lumbeck-Maschine zum Binden der Zeitung wartet nun auf andere Aufgaben. Beim Verkauf der Zeitung, die 0,50 DM für Schüler und 1 DM für Erwachsene kostet, sind die Schüler aber wieder voll beteiligt.
Finanzen
Die Einnahmen der Zeitung dienen in erster Linie der Finanzierung der Druckkosten. Zunächst lag der Gewinn bei ca. 30 DM pro Ausgabe. Er wird durch einen Zuschuss des Fördervereins der Schule erhöht, damit für die Leser genügend Preise (Spiele, Spielbücher) angeschafft werden können. Später erhöhten sich die Druckkosten, so dass die Ausgaben nun durch Werbung mitfinanziert werden müssen. Da Spielcasino möglichst viel Spielwettbewerbe für die Leser veranstalten möchte, kommt es schon auf einen deutlichen Überschuss an, der in neuen Spielen angelegt wird.
Ergänzungen
Die Arbeit an der Spielzeitung wird in der Arbeitsgemeinschaft ergänzt durch Informationen über Pressewesen und Spieleszene. So waren Reporter und Spielkritiker zu Gast in der Spielcasino-Redaktion. Sie informierten über ihre Arbeit und gaben der Arbeitsgruppe wertvolle Tipps und Anregungen zur Gestaltung und Inhalt des Blattes. Die Spielzeitung wurde in der Pädagogik- und Spiel-Fachpresse vorgestellt und mit Informationsständen auf einigen Ausstellungen (Pädagogische Fachtagungen, Spielmarkt Remscheid, Spielautorentreffen Göttingen, Sennestädter Spieltage) präsentiert.
Spielcasino Extrablätter erscheinen darüber hinaus in unregelmäßigen Abständen. Sie bieten aktuelle Informationen (so zur Wahl des „Goldenen Pöppel“ für das beliebteste Spiel des Jahres) oder beschäftigen sich mit besonderen, schulinternen Fragestellungen (Mittagspausenangebote in der Adolf-Reichwein-Schule, Ergebnisse der Arbeitsgemeinschaft „Spiele selber erfinden“).
Auswirkungen
Die Wirksamkeit einer Zeitung kann man am ehesten an ihren Käufern und in unserem Fall zusätzlich an der Beteiligung der Leser messen.
Die Auflage konnte im Verlauf der fast acht Jahre mehr als verdreifacht werden, so dass Spielcasino heute unter den Amateur-Spielzeitungen die zweithöchste Auflage erreicht.
Durch die höhere Anzahl von Lesern können die Einnahmen und damit auch die Anzahl der Preise gesteigert werden. Hier zeigt die Erfahrung, dass die Zeitung nur an Schulen „ankommt“, an denen sich Lehrer aktiv um den Verkauf kümmern. Solche Kollegen suchen wir und natürlich auch Schulen, an denen Spielcasino verkauft werden kann.
In der Konzeption der Zeitung steckt die Absicht, möglichst viele Leser aktiv zu beteiligen. So gehen auch zwischen 60 und 100 Lösungszettel bei der Redaktion zur Auswertung ein. Diese Angaben werden überprüft und die richtigen Lösungen zu jeder Aufgabe in einer Liste gesammelt. Aus dieser Menge losen wir die Gewinner aus.
Zusätzlich erhält jeder Einsender für jede richtige Lösung Punkte. Am Ende des Schuljahrs steht dann der Schul-Spiel-Meister fest, der mit einem besonderen Spiel geehrt wird. Die „Bestenliste“ findet man in jeder Spielcasino-Ausgabe - ein weiterer Reiz zum Mitspielen. Erfahrungsgemäß nehmen sich alle Käufer der Zeitung vor, sich an den Spielen zu beteiligen. Trotz Erinnerungen durch Plakate und Hinweiszettel werden aber nur bis zu 25 % der Lösungszettel abgegeben. Woran das liegt, ist uns noch nicht klar.
Die an der Arbeitsgemeinschaft beteiligten Schüler haben viel gelernt. Einige von ihnen wählen immer wieder diese AG. Bei ihnen ist deutlich eine Verbesserung im Ausdruck und in der Kritikfähigkeit zu erkennen. Sie sind mehr und mehr eigenständig in der Lage, andere Schüler oder Eltern zu beraten (Schulfest) und Verkaufsveranstaltungen eigenständig zu organisieren.
Drei Spielregeln von Schülern der Arbeitsgemeinschaft wurden bereits von Herstellern übernommen und veröffentlicht.
Tipps für Nachahmer
Die Arbeit an der Spielzeitung eignet sich gut für die Arbeit mit Schülern aus verschiedenen Altersstufen. Da die Anforderungen unterschiedlich hoch sind, findet jeder eine passende Aufgabe. Das Endprodukt - die fertige Zeitung und besonders die Seite mit dem eigenen Namen - bietet eine zusätzliche Motivation. Die Arbeit macht Spaß, sonst würden sich nicht immer wieder Schüler für diese Gruppe melden. Der zeitliche Aufwand zur Herstellung einer druckfertigen Seite ist aber recht hoch. Da fällt für den Lehrer viel zusätzliche Arbeit an. Schwierigkeiten kann es bei der Beschaffung von neuen Spielen und Spielbüchern geben. Hier müssen Kontakte zu Spieliotheken, Büchereien und Herstellern geknüpft werden. Spieliotheken leihen Spiele aus, sind aber leider nicht überall anzutreffen 3 . Gute Kontakte zu den Pressestellen der Spielhersteller und das Zusenden von Belegexemplaren nach einer Veröffentlichung helfen aber bei der Beschaffung der Spiele.
Wir wünschen uns für Spielcasino natürlich viel mehr Leser. So können wir interessierten Schulen Hefte auf Kommissionsbasis zum Verkauf anbieten. Wir würden gern mit anderen Schulen zusammenarbeiten, Erfahrungen austauschen und Gastbeiträge aufnehmen. Bei gleichem Arbeitsaufwand könnten wir den Gedanken, Spiele in die Schule zu bringen, stärker verbreiten und die Arbeit der AG effektiver gestalten 4 .
Literaturhinweise
Unterrichtseinheit „AOL-Brettspiele“ von Dirk Hanneforth. Lose-Blatt-Sammlung mit zahlreichen Tipps zu: Spieliotheken in der Schule, Spiele in der Klasse, Spiele im Unterricht, Spiele in Arbeitsgemeinschaften, Spielprojekte, Spielbuch, Sofortspiele etc.
(Bezug: AOL-Verlag, Lichtenau; nicht mehr im Handel).
Dirk Hanneforth
1 Dieser Artikel erschien 1986 in „Das AOL-Projekte-Buch. 250 Projekte und Ideen für eine lebendige Schule“, hrsg. von der Arbeitsgruppe Oberkircher Lehrmittel (AOL), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1986. Der Arbeitsbericht wurde auf neue Rechtschreibung umgestellt, die Angaben aber nicht verändert
2 Vgl.: Dirk Hanneforth: Spieliothek in der Schule; in: AOL (Hg.): Schulspaß und Schulspiele. Handbuch zum Schulalltag 2, Reinbek 1983, S.30-35.
3 Informationen über Spieliotheken gibt es bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Deutscher Spieliotheken e. V., Großer Kamp 8, 2202 Barmstedt
4 Probehefte von „Spielcasino“ gibt es bei Voreinsendung von 2,50 DM in Briefmarken an „Spielcasino“, Adolf-Reichwein-Schule, Uchteweg 26, 33689 Bielefeld
Seite zuletzt geändert am: 11.04.2010, 15:56 von Büring
